Alex Buess: Parallaxe
A (Biomechanische Version 2), Maxwell's Demon / Tim Hodgkinson: Repulsion
/ Dror Feiler: Restitutio in Pristinum
Ensemble Phoenix Basel, Leitung: Jürg Hennberger
Erhältlich über: www.ensemble-phoenix.ch
ENTFESSELT
Suchen Sie Musik, die Ihnen, vielleicht in Kombination mit einem schönen
Cabernet, den Abend zum wohlverdienten Tagesausklang formt? Dann blättern
Sie weiter, hier kriegen Sie das nicht! Denn das Ensemble Phoenix Basel hat
auf dieser CD Werke kombiniert, die kaum Entspannung zulassen.
Programmatischer Ausgangspunkt war Parallaxe A des Basler Komponisten Alex
Buess, und zwar in seiner «Biomechanischen Version» von 2002 für
Ensemble und Tonband. Die ursprüngliche Fassung war im Rahmen des Musikmonats
2001 uraufgeführt worden, tatsächlich in Prattelns «Konzertfabrik»
Z7, einem Ort, der Rockmusik der härteren Gangart vermittelt und dazu
die jeweils anliegende Dezibelgrösse anzeigt – ob das gesetzlich
Erlaubte möglichst nicht überschritten oder möglichst effizient
ausgeschöpft werden soll, darf offen bleiben. Und dieser Spielort erschien
ebenso angemessen wie die Lederkluft des damaligen (und heutigen) Phoenix-Dirigenten
Jürg Hennberger, denn solche Äusserlichkeiten entsprachen der Musik,
die sich in Sachen Dynamik, Klangschärfe und -dichte keine unnötigen
Fesseln anlegte. Der Komponist selbst hat nun bei der CD-Einspielung seine
Zusatzfähigkeiten als Produzent und Klangregisseur eingebracht, um das
schroffe Stück und seine fünfkanalige Surround-Zuspielung für
die Stereobannung nicht allzusehr zu schleifen. Der Hörversuch mit Kopfhörer
lässt den Tonmeister erkennen. Wer den Regler aber beim Abhören
zu weit öffnet, dem fliegt das Headset womöglich um die Ohren: Massiver
Schlagzeugeinsatz, Blechbläserattacken, Flatterzunge in höchster
Lage und multiple Elektronika formen die Oberfläche einer bildhaft dem
Maschinellen und Mechanisierten, klanglich der Rock- und Technomusik, faktisch
aber der experimentellen zeitgenössischen Komposition verpflichteten
Musik. Motivpartikel, Klangblöcke und rhythmische Parzellen werden verschraubt,
ineinandergeschoben und auch mal bis zur Unkenntlichkeit zermörsert.
Natürlich erscheint die Orchestermusik Varèses vor dem inneren
Ohr, aber auch das Fenster zu Power- und Free-Jazz öffnet sich –
nicht überraschend, hat Buess doch unter anderem mit Peter Brötzmann,
Toshinoro Kondo oder Bill Laswell gearbeitet. Laswells energetische Improvisations-Formation
«Material» (z.B. die LP «Memory Serves» der frühen
achtziger Jahre) klingt deutlich an. Bei Buess ist der musikalische Bogen
allerdings komponiert und es ist mit ein Verdienst des Ensemble Phoenix, dass
er sich als Spannungsbogen über mehr als zwanzig Minuten hält und
dabei das kompositorisch Gemachte im Klangstrom unbemerkt bleibt. Selbst Buess'
in dieser Hinsicht noch etwas labileres, knapp zehn Jahre vor Parallaxe A
entstandenes Stück Maxwell's Demon für Trompete, Posaune, E-Bass,
drei Schlagzeuger und Live-Elektronik, das die CD beschliesst, wirkt in der
Live-Aufnahme aus der Basler Gare du Nord nicht fixiert und gebändigt,
sondern improvisiert offen.
Auch – oder noch mehr? – die eher ruhigen, im Vergleich mit Buess
dynamisch sehr filigran organisierten Bereiche von Tim Hodgkinsons Repulsion
für Klarinette, E-Gitarre, Posaune und Schlagzeug werden von der Erfahrung
der Musiker mit solch experimenteller Musik getragen – von einzelnen
Brüchigkeiten abgesehen, die jedoch das Ganze eher färben als zerstören.
Hodgkinsons Stück fehlt die Buess'sche Power und Schroffheit. Es gewinnt
an poetischer Tiefe, die allerdings nach den vorangegangenen brachialen zwanzig
Minuten nur schwer zugänglich ist. Mehrmaliges Hören empfiehlt sich.
Dror Feilers Restitutio in Pristinum für verstärkte Violine, E-Gitarre,
Sopranino-Saxophon, Posaune und Schlagzeug erscheint hingegen als perfektes
Dazwischen: Der originellen Motivgestaltung und -bearbeitung werden energiegeladene
Kollektivblöcke direkt entgegengestellt, das Stück wirkt ausbalanciert
und ausgereift. Buess, Hodgkinson und Feiler gemeinsam ist das parallele Arbeiten,
Komposition und Improvisation gehen bei diesen auch als Performer bekannten
Musikern zusammen. Ihren Werken ist diese nur scheinbar gespaltene Herkunft
eingeschrieben, auch in der Interpretation ist dadurch die Verbindung der
verschiedenen musikalischen Sphären – Freiheit der Improvisation,
Disziplin der Interpretation plus jugendliches Haudrauf – lebensnotwendig.
Das Ensemble Phoenix Basel zeigt sich dem hohen Anspruch mit diesen
Aufnahmen gewachsen.
Matthias Kassel
© dissonanz /dissonance 2005