Musiktheater von Johannes Harneit nach Texten von Konrad Bayer, Theater Basel, Foyer Grosse Bühne, Premiere und Uraufführung: 26.4.2001
"idiot"


Musikalische Leitung: Jürg Henneberger, Ensemble Phœnix Basel, Basler Madrigalisten, Regie: Björn Jensen, Video, Bühne und Kostüme: Sarah Derendinger, idiot: Ulrike Bartusch, bräutigall: Karl-Heinz Brandt, anonymphe: Gudrun Pelker, Solo-Cello: Beat Schneider

... Die Sprache der Neuen Musik kennt ein Vokabular, das ähnlich klingt wie Bayers Wortketten. Harneit nutzt sie raffiniert und schafft ein betörendes Gesamtkunstwerk. Unter der Leitung von Jürg Henneberger gelingt dem Ensemble Phœnix Basel und den Basler Madrigalisten ein furioses Meisterwerk.
In der Tat: Man vergnügt sich köstlich, geniesst die sinnfällige Ausnutzung der Basler baulichen Gelegenheiten, staunt über die akrobatischen Künste der beiden Sänger und des Dirigenten, bewundert die Virtuosität der Partitur und der Musiker. Die boshafte Kulinarik, die geniesserische Wut der Bayerschen Texte hat auf die Musik und von dort auf die Inszenierung übergegriffen.
Michael Gassmann, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17.5.2001

... Was dem "idioten" an Kommunikationsfähigkeit fehlt, spricht das Cello aus, packend und präzis gespielt von Solocellist Beat Schneider. Jürg Henneberger leitet das Ensemble Phœnix Basel und fünf ins Ensemble integrierte Sängerinnen und Sänger der Basler Madrigalisten mit beeindruckender Sicherheit und holt aus Harneits Partitur die ganze Spannung und Dramatik heraus.
Einem Freund, der auf Besuch kommt, wird sofort dessen treuherzig mitgebrachtes Cello über dem Schädel zerschlagen, das kracht gewaltig, und bald merkt man auch, warum: Das (wunderbarerweise wieder genesene) Cello überninmmt in Johannes Harneits Musiktheaterstück "idiot" den Part des fast sprachlosen Protagonisten, der hier eine Frau ist - die in Bewegung, Spannung und Sprache durchwegs überzeugende Ulrike Bartusch.
Nach vollzogenem Beischlaf stürzen die Liebenden jäh in den Idiotenraum, die Decke bricht ein, da sind sie nun, Bräutigall - herrlich heller, spielerisch leicht bis in extreme Lagen intonierender Karl-Heinz Brandt. Und Anonymphe - Gudrun Pelker mit vollem, sattem Timbre und trotz technisch ebenfalls schwieriger Partie stets sicher im dramatischen Bogen.
Jürg Henneberger leitet das Ensemble Phœnix Basel und die fünf Sängerinnen und Sänger der Basler Madrigalisten. Er tut es mit zuweilen fast beängstigender Sicherheit und holt heraus, was Harneits Partitur an Spannung und Dramatik hergibt - und das ist eine ganze Menge. Harneit setzt mit sicherem Instinkt für Tiefenschärfe vage Verklingendes gegen hart Akzentuiertes, Vordergründiges gegen Hintergründiges - Henneberger und sein Ensemble stellen es genau so plastisch dar, wie es sein muss.
David Wohnlich, Basler Zeitung, 28.4.2001

... Harneits Komposition ist getupfte Musik in der Schwebe, zerbrechlich, oft nur mehr Oszillieren der fünf Violinen und flirrendes Flageolett des Solocellos. Bis auf wenige martialische Schlagzeugattacken und scharfe Bläsereinwürfe von Klarinette und Posaune bleibt die Musik introvertierter Counterpart zum schrillen Showkampf im Ring. Jürg Henneberger leitet das Ensemble Phœnix Basel (im soften James Last-Look) und das Basler Madrigalistenquintett mit sezierender Genauigkeit. Eine musikalische Implosion, die den Text von innen widerspiegelt. Anders als im Surrealismus geht es Bayer nicht darum, die Wirklichkeit im Unterbewussten zu suchen. Die Wirklichkeit hat ausgedient. Bayer will nicht erklären, er hat keine Fragen, keine Antworten. Er hinterlässt "idiot" und Zuschauer im gefühllosen Vakuum, aus dem jeder Eindringling vertrieben wird und dem langsam die Luft ausgeht. "das leben ist ein scheissdreck".
Ina Karr, Badische Zeitung, 28.4.2001

... Das Ensemble Phœnix Basel und die drei Sängerinnen und zwei Sänger der Basler Madrigalisten bewältigen unter dem hochkonzentrierten und sehr präzisen Dirigat Jürg Hennebergers die enormen Schwierigkeiten mit Bravour und bieten eine expressive, packende Interpretation, die auch den ironischen Brüchen Raum gibt.
Christian Fluri, Basellandschaftliche Zeitung, 28.4.2001

Close window