Konzert im Rahmen des Europäischen Musikmonats 2001 in der Konzertfabrik Z7, Pratteln, 9.2.2001

"New Electronix"

Alex Buess: «Parallaxe A» (UA), «Maxwell's Demon»; Gerhard Stäbler: «Den Müllfahrern von San Francisco»; Dror Feiler: «Sparagmos»; Tonbandstücke von Ana-Maria Avram und Iancu Dumitrescu; Live-Remix von "Parallaxe A" und aktueller elektronischer Sound mit international bekannten DJ's.

Mitwirkende:
Marc Ullrich, Trompete; Dirk Amrein, Posaune; Patricia Kopatchinskaja, Violine
Ensemble Phœnix Basel; Jürg Henneberger, Leitung
DJ Scud (London, Labels: Ambush / Position Chrome / Full Watts) Christoph Fringeli (Berlin/Basel, Label: Praxis) Hecate (Detroit, Label: Zhark)

«Experimenteller poetischer Terrorismus»
... Der «klassische» Teil mit dem von Jürg Henneberger geleiteten «Ensemble Phœnix Basel» brachte neben zwei Kompositionen von Alex Buess («Maxwell's Demon» und «Parallaxe A») Werke von Gerhard Stäbler («Den Müllfahrern von San Francisco»), Dror Feiler («Spargamos») sowie Tonbandstücke von Iancu Dumitrescu und Ana-Maria Avram, die bei allen Unterschieden doch eines gemeinsam haben, nämlich ein hohes Stresspotenzial. Musik ist hier als physische Erfahrung gedacht, angesiedelt an der Grenze des Verkraftbaren, die durch Lautstärke, lärmige Klänge, enervierende Repetitionen oder Registerextreme wie schrille Höhen angepeilt wird. Protest und Provokation scheinen dabei aber nicht so sehr im Vordergrund zu stehen wie das lustvolle, auch politisch verstandene Experiment mit den eigenen physischen Grenzen.
... Christoph Fringeli, der zusammen mit den DJ Scud und Rachael Kozak alias Hecate den DJ-Teil des Abends übernahm, prägte den Begriff des «experimentellen poetischen Terrorismus», in dessen Dienst er seine Musik stellt und «dessen Ziel unsere Souveränität als physische Körper und unabhängige Geister» sei. Ästhetische Berührungspunkte zum vorangegangenen «klassischen» Teil sind da durchaus zu erkennen. Aber auch musikalische. Die drei DJ's bewegen sich auf dem weit verzweigten Feld des Techno in einer Ecke, die sich «Hardcore» oder «Breakcore» nennt – eine lärmige, geräusch- und stressintensive Musik mit Wurzeln in Punk und Industrial.
... An diesem Abend griffen die DJ Alex Buess' zuvor uraufgeführtes Stück «Parallaxe A» für grosses Ensemble und 5-Kanal-Surround-Band auf, zunächst im gesampelten, das Vorangegangene gleichsam erinnernden Zitat. Doch da bereits Buess' Stück etliche Schichten zu einer extremen Polymetrik übereinander lagert, deren Komplexität sich im Remix weiter potenzierte, war bald schon nicht mehr klar, was nun Zitat, was dessen Verfremdung, was Beimischung neuen Materials war. Doch genau das gehört ja mit zur Philosophie des emphatisch verstandenen Techno, der dazu angetreten ist, «die überholten, hierarchischen Strukturen des Musikmarkts zu überwinden. Das gilt nicht nur für den Star, der wie die Bühne verschwindet, sondern auch für das Copyright (den Besitz von Ideen), die Struktur der Musik selbst und dessen, woraus sie besteht» – so das Pamphlet zu dem von Fringeli gegründeten Label «Praxis Records».
Elisabeth Schwind, Neue Zürcher Zeitung, 19.2.2001

... Höhepunkt der gesamten Veranstaltung war die Uraufführung von Alex Buess' Komposition "Parallaxe A" mit dem Ensemble Phoenix Basel. Was dem Basler Komponisten und Live-Elektroniker gelungen ist, darf als Quintessenz seines bisherigen Schaffens bezeichnet werden. Wieder, wie in den intensiven Jahren siener Tätigkeit für das Basler Free-und Elektronik-Label "Vision", sass Buess hinter dem Mischpult. Jedes der insgesamt 24 Instrumnente war mit einem Mikrophon-Kanal versehen, was die Brillianz dieses Klangkörpers (Dirigent Jürg Henneberger wusste zudem mit spleenigen Kostümwechseln zu gefallen) in ein glasklares fünf-Kanal-"Surround"-Bad getaucht hat.
... In den organisch fliessenden Einheiten fiel insbesondere die sorgfältige Behandlung der umfangreichen Bläsersektion auf. Jeder grele Effekt ist dieser Musik fremd: sehr "harmonisch" fand die Live-Elektronik in das Geschehen; diverse Bass-Instrumente woben sachte Groove-Linien ein.
... Am weitesten in eine Live-Situation hinein ging Rachael "Hecate" Kozak aus Detroit. Ihre eigene Bearbeitungen der (unmittelbar zuvor) uraufgeführten Alex-Buess-Komposition "Parallaxe A" waren subtil in ihr längeres Konzertstück eingebettet. Hecate legte grossen Wert auf organisch wikende Binnenspannung und vermied vordergründige Beat-Strategien strikt.
Urs Grether, Basellandschaftliche Zeitung, 12.2.2001

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... Der vielköpfige Klangkörper auf der Z7-Bühne setzte zu einer trägen, verzerrten, elektronisch verfremdeten, ziemlich düsteren Klangmasse an, die sich wie Melasse in unsere Gehörgänge vordrängte. Musik-das wurde hier wieder einmal verdeutlicht-transportiert vor allem eines: Stimmungen! Und solche gab es verdankensweise dank des Engagements Neuer Musiker, die-wenn sie Alex Buess heissen-nicht nur Dissonanzen auf die Reihe bringen wollen, sondern auch noch so etwas wie "Groove" erkennen lassen.
Christian Fink, Basler Zeitung, 12.2.2001