Classics
Zeitgenossen: Müller-Siemens
Mit seinem Kammermusikzyklus «Phoenix 1-3» (1992-1995) komponierte
Detlev Müller-Siemens verschiedene Ausführungen einer Ensemble-Konzeption,
die klar umrissener Klang-Individuen ebenso entbehrt wie eines übersichtlich
funktionierenden Kollektivs.
In fast zäsurlosen Ausformungen fixieren diese Stücke den permanenten
Übergang zwischen unterschiedlichen Satztypen und erhellen dadurch Zwischenbereiche
des Komponierbaren.
In der fantastischen Einspielung mit dem «Ensemble Phoenix Basel»
unter Jürg Henneberger nimmt sich dies alles andere als spekulativ aus.
Besonders die gegeneinander verschobenen Klangschichten von «Phoenix
3» und «Cuts» (1996-97) gewinnen eine Qualität von
geradezu haptischer Direktheit.
Müller-Siemens ist neuerdings Samuel Beckett besonders zugetan. Zur Zeit
arbeitet er an einem Musiktheaterprojekt über den Text «Bing»
und unternahm mit «Light blue, almost white» (1998) eine erste
kammermusikalische Annäherung an eine Kunstsprache, deren Reste an Sinn
sich fast gänzlich in Sprachklang zu lösen scheinen.
Viel prägnanter und sparsamer als in den «Phoenix»-Stücken
formuliert Müller-Siemens Grundgestalten, die oft an den Registergrenzen
angesiedelt sind, dort ihrer eigenen Neutralisierung zustreben, sich im Verlöschen
dem Beckett'schen «almost white on white» endgültig zuneigen.
Basler Zeitung, 13.6.2001